Wie das Südseeparadies innerhalb kürzester Zeit zur Hölle werden kann
Die Nachricht erreicht uns zwei Tage zuvor. Das Satellitentelefon klingelt, was äußerst selten vorkommt.
Ein Freund, der für uns regelmäßig im Internet nach der Wettervorhersage in der Südsee schaut, ist dran. Er wolle uns nur informieren, dass gerade ein Tiefdruckgebiet über Samoa nach Tonga ziehe, noch im Stadium einer tropischen Depression. Und so solle es der Wettervorhersage nach auch bleiben. Wir haben keine Ahnung, dass sich dieser Sturm zu einem starken Zyklon entwickeln wird.
Da es die gesamte vergangene Woche knallheiß gewesen ist und das Wasser im Tank stetig abgenommen hat, hegen wir zu diesem Zeitpunkt fast ein wenig Vorfreude auf heftigen Regen. Ziemlich naiv, wie sich kurz später herausstellt. Die Natur demonstriert auf der einsamen Insel eine Gewalt, die wir hier im Südseeparadies nicht für möglich gehalten hätten.
Bereits in der Nacht vor dem eigentlichen Sturm biegt der starke Wind Palmen zur Seite, als würde er Kokosnüsse wie Schleudersteine auf uns schießen wollen. Wir sind völlig eingeschüchtert von dieser höheren Macht und setzen keinen Fuß vor unser Holzhaus, um die Hängematte abzubinden, die zwischen zwei Palmen am Strand im Getöse gebeutelt wird. Große, grüne Palmwedel krachen alle paar Sekunden herab. Am Morgen ist das Schlimmste überstanden - denken wir.
Überraschung. Was wir bisher erlebt haben, war nur das Vorspiel. Dieser Zyklon schlägt erst tagsüber richtig zu. Uns bleibt nichts anderes übrig, als das Wetter auszusitzen und wir sind währenddessen heilfroh über die Entscheidung, erstmal keine eigene Hütte aus natürlichem Material gebaut zu haben. Wir wären weggeblasen worden. Aber auch so ist die Situation alles andere als ungefährlich.
Nicht nur, dass es bei einem Sturm dieser Stärke viel regnet und noch viel mehr windet. Das Problem besteht auch darin, dass der Meeresspiegel enorm ansteigt, das Auge des Zyklons saugt das Wasser an. Die Wellen sind deutlich höher als sonst. Innerhalb weniger Minuten spült es drei Palmen, die wir am oberen Ende des Strandes gepflanzt haben, komplett fort. Im Anschluss nähert sich eine Welle, die uns in wahre Angst versetzt. Sie kommt nicht etwa frontal, sondern von der rechten Seite - und ist über drei Meter hoch. Sie reißt ganze Kokospalmen mit sich, große Felsbrocken und Korallenblöcke. Das eigentlich Beunruhigende aber ist, dass sie große, alte Bäume vor unserer Bleibe unterspült und zum Stürzen bringt. Eine Wahnsinnskraft, die sie und folgende Wellen dieser Art haben. Sie überspülen unsere Insel teilweise bis15 Meter ins Inselinnere und zwingen uns zur Überlegung, was wir tun, wenn es noch schlimmer werden sollte. Wir bleiben verschont, der Zyklon ist nach drei Stunden endlich vorbei. Gott sei Dank!
Wir wagen uns wieder aus dem Haus und trauen bei einem ersten Inselrundgang unseren Augen kaum. An einigen Stellen hinterlässt dieses fiese Sturmmonster eine enorme Zerstörung. Brutal auch für die Tierwelt. Die gestürzten Bäume und Palmen töteten Hunderte Vögel und ihre Küken. Am Himmel fliegen viele überlebende Vögel aufgescheucht und mit viel Gekreische umher. Etliche verlorene Küken sitzen am Boden. Wir haben das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen und versuchen die schwachen Küken in einem kurzfristig gebauten Gehege zu pflegen. Solange, bis sie fliegen können.
Eigentlich hätten wir in wenigen Wochen auch schon das erste Gemüse ernten können, Bohnen und Gurken. In wenigen Monaten die ersten Auberginen und Tomaten. Aber auch den Garten haben die Wellen platt gemacht. Und der Wind hat etliche Bananen und Papayas zerfleddert. Genauso zerstört sind unsere ersten Pfade, die wir durch die Insel geschlagen hatten - eine Arbeit von mehreren Wochen. Überall liegt dickes Geäst im Weg.
Noch mal von vorne, das Ganze. In der Hoffnung, dass eine Wiederholung ausleibt. Die Natur erholt sich zum Glück sehr schnell. Und etwas Positives hat der Zyklon dann doch mit sich gebracht, auch wenn sich das verwunderlich anhört. Während teilweise manche Strandabschnitte ganz weggespült wurden, hat sich an anderen Abschnitten die Sandmenge verdoppelt. So dass wir auf der einen Seite jetzt über eine langgezogene Sandbank laufen können und auf der anderen Seite, wo sich alles verschoben hat, ein riesiger, natürlicher Felspool entstanden ist. Wenigstens ein schöner Ort, um sich nach den anstrengenden Aufräumarbeiten abzukühlen.
Info:
Nina und Adrian Hoffmann aus Bad Wimpfen im Landkreis Heilbronn wiederholen, was sie schon mal gemacht haben: auf einer einsamen Südsee-Insel leben. Diesmal im Königreich Tonga, 2000 Kilometer nordöstlich von Neuseeland. Sie haben in Deutschland ihre Jobs aufgegeben, ihre Wohnung gekündigt und sich von sämtlichen Verträgen befreit. Nina ist 27 Jahre alt und Grundschullehrerin, Adrian ist 28 und Zeitungsredakteur. In einer monatlich erscheinenden Kolumne berichten sie über ihre Inselabenteuer.
In der nächsten Kolumne geht es dann tatsächlich um die erste Lieferung von Nachschub an Lebensmitteln und den stetig wachsenden Inselgarten verbunden mit der dauerhaften Hoffnung auf Regen.
Zyklon1: Nina vor einem umgestürzten Baum am Inselstrand
Zyklon2: Adrian vor einem umgestürzten Baum am Inselstrand
Zyklon3: Nina nimmt ein Bad im durch die Gewalt des Sturms entstandenen Insel-Swimmingpool.
Zyklon4: Adrian bestürzt von einer Sturmwelle überspülten Banane, im Hintergrund der zerstörte Gemüsegarten.
Zyklon5: Das hier war das Tomaten- und Auberginenbeet - alles von einer Sturmwelle überspült und unter Sand begraben. Bananen und Papaya wurden vom starken Wind umgeknickt.
Zyklon6 und 7: Eine Sturmwelle überspülte den Garten der Insulaner und begrub vieles unter Sand. Der Rest wurde vom Wind zerfleddert.
Zyklon8: Ein Korallenblock, der von der Macht der Welle einige Meter auf das Ufer geschwemmt wurde.
Zyklon9: Adrian räumt einen herab gekrachten Palmwedel auf.
Zyklon10: Nina geht an einer angeschwemmten Kokosnusspalme vorbei, von der am Tag nach dem Zyklon nur noch der Stumpf aus dem Sand ragt.
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Mittwoch, den 11. Mai 2011 um 07:57 Uhr
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